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Chronic Care Hamburg

 

Die Zukunft ist chronisch ...

Chronische Erkrankungen nehmen insbesondere in den Industrienationen stetig zu. Trotz dieser besonderen Herausforderung ist die derzeitige medizinische Versorgung vor allem auf die Behandlung akuter Erkrankungen eingerichtet - sowohl in Organisation und Finanzierung als auch im Selbstverständnis der wichtigsten Beteiligten. Obwohl die Behandlung im Wesentlichen durch die Besonderheiten der jeweiligen Erkrankung bestimmt ist, können auch übergreifende Behandlungsprinzipien für die Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen beschrieben werden: z.B. Unterstützung des Patienten in seiner aktiven Rolle im gesamten Behandlungsprozess (z.B. Self-Management). Neuorientierung des Gesundheitswesen von einer reaktiven hin zur pro-aktiven vorausschauenden Patientenversorgung (z.B. systematische "Follow -up Kontakte").

In Deutschland ist mit dem GMG von 2004 ein erster Schritt der Neuorientierung mit der Einrichtung von Disease Management-Programmen (DMP) getan, und erste positive Ergebnisse konnten erreicht werden. Vor allem, um der häufigen Multimorbidität und dem individuellen Versorgungsbedarf von Patienten mit fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen besser gerecht zu werden, ist eine gezielte Weiterentwicklung und Ergänzung dieser bevölkerungsbezogenen Programme sinnvoll.

 

Das „Chronic – Care – Model“

Als Goldstandard für die Versorgung chronisch Kranker gilt seit geraumer Zeit das „Chronic-Care-Model“ (CCM) von Ed Wagner, Seattle, in das US-Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre eingeflossen sind. Das CCm beschreibt den idealen Versorgungstypus, der Leistungserbringer, Patienten, Angehörige und kommunakle Infrastruktur miteinander vernetzt. Mit dem „Advanced Medical Home“ wird es zur Grundlage einer neuen Form der Primärversorgung.

Die Vision des „ADVANCED MEDICAL HOME”

  • Hausarzt und Praxen sind mit einem multiprofessionellen Versorgungsteam vernetzt, zu dem beispielsweise Casemanager, Ernährungsberater, Therapeuten und Apotheker gehören können. Sie leisten gemeinsam patientenorientierte langfristige Betreuung

  • Hausarzt (Kapitän) und Versorgungsteam (sanopro) dienen Patienten und Angehörigen als Koordinatoren im System

  • Der Patient wird durch verständliche Informationen und gemeinsame Entscheidungsfindung in die Versorgung eingebunden und übernimmt durch Selbstmanagement Mitverantwortung für seine Gesundheit

  • Eine neue Vergütungsstruktur in der Primärversorgung honoriert die koordinierte Versorgung, den Einsatz effizienzsteigernder Instrumente und nachgewiesen Qualität

 Warum für Deutschland interessant?

  • Der Patient und seine Familie stehen im Zentrum der Versorgung; die Arzt-Patienten-Beziehung wird gestärkt

  • CCM und Medical Home fördern Eigenverantwortung und Selbstmanagement der Patienten

  • Beide Modelle verbessern die Koordination der Versorgung durch Vernetzung der verschiedenen Professionen

  • Attraktive Anreize fördern technische Innovationen, Qualität und Effektivität in den Praxen.

 Der Effekt

Verbesserte Ergebnisse (engl. "Outcomes") sind Ergebnisse oder Konsequenzen (z.B. Symptome oder Laborergebnisse), aber auch funktionelle Ergebnisse, wie z.B. Lebensqualität, Zufriedenheit mit der Versorgung und schließlich wirtschaftliche Ergebnisse wie Kostensenkung / Kosteneffizienz. Verbesserungen können nur innerhalb einer produktiven Beziehung zwischen Patient und Versorgungs-/ Praxisteam erreicht werden.

Der informierte und aktivierte Patient kann auf der Grundlage umfassender Kenntnisse über seine Erkrankung Handlungsoptionen und deren Auswirkung auf das eigene Leben bewerten und damit stärker die Rolle eines "Gestalters" (Managers) für seine Erkrankung und sein Wohlbefinden übernehmen.

Das vorbereitete, proaktive Versorgungsteam ist besonders qualifiziert und mit den Anforderungen der Behandlung chronischer Erkrankungen vertraut. Neben klinischen Besonderheiten sind übergreifende Behandlungsprinzipien wichtig, wie z.B. das systematische und regelmäßige Erfassen der Behandlungsergebnisse oder die vorausschauende Planung "aus einem Guss" im Behandlungsalltag. Dies gilt sowohl für die interdisziplinäre oder die hausärztliche Praxis in der ambulanten Versorgung als auch für gesundheitliche Einrichtungen mit komplexerem Leistungsspektrum (Sekundär- und Folgeebenen, z.B. Rehabilitation (Versorgungsteam)).

Produktive Interaktionen werden auf der Grundlage der persönlichen Beziehung zwischen Versorgungsteam und Patient erreicht. Hier ist im medizinpsychologischen Sinne die gelungene partnerschaftliche Kommunikation zwischen allen Beteiligten angesprochen; aus Patientensicht erfolgt eine partizipative Entscheidungsfindung (engl. "shared decision making"). Interaktionen zwischen Versorgungsteam und Patient können nur produktiv sein, wenn das Gesundheitssystem die vier folgenden Bereiche der Versorgungs-/ Behandlungspraxis ausreichend entwickelt hat. Für jeden dieser Bereiche belegen kontrollierte Studien einen positiven Einfluss auf die Versorgung chronisch Kranker.

Die Unterstützung des Selbstmanagements ermöglicht dem chronisch Kranken und ggf. seinen Angehörigen die Hilfe zur Selbsthilfe. Ziel ist die Stärkung der Patientenrolle und -kompetenz ("Empowerment"). Hierzu zählen Hilfen für das regelmäßige Selbstbeobachten von klinischen Ergebnissen, aber auch Hilfen für den sicheren Umgang mit deren Konsequenzen. Grundsätzlich geht es also darum, den Patienten im alltäglichen Leben mit seiner Erkrankung zu unterstützen. Ed Wagner: "How do we help patients live with their conditions?"

Die Gestaltung der Leistungserbringung bedeutet eine (Neu-)Konzipierung der Versorgungsabläufe, insbesondere durch eine verantwortliche und effektive Aufgabenteilung innerhalb des Versorgungsteams, z.B. durch die Einrichtung einer Chroniker- bzw. Pflegesprechstunde (siehe Modell der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg) oder durch ein regelmäßiges, nachgehendes Follow-up durch Case Management. Hierzu gehört auch der 'stepped care' genannte Ansatz: Schnittstellen zwischen den Leistungserbringern und Versorgungsstufen werden genau definiert und auf die Komplexität des gesundheitlichen Problems und Versorgungsbedarfs des einzelnen Patienten zugeschnitten. Ed Wagner: "Who's on the health care team and in what ways do we interact with patients?" Gezielte Entscheidungsunterstützung liegt zum Beispiel in Form von evidenzbasierten Leitlinien für Ärzte und Pflege, Entscheidungshilfen für Patienten, aber auch durch bessere Kooperation mit Fachspezialisten vor. Ed Wagner: "What is the best care and how do we make it happen every time?"

Informationssysteme beginnen schon mit einem einfachen Patientenregister, das alle Patienten mit einer bestimmten chronischen Erkrankung erfasst. Auch individuelle Patientenpässe, Therapiepläne oder Remindersysteme gehören dazu. Ed Wagner: "How do we capture and use critical information for clinical care?"

Diese vier Aspekte der Versorgungs-/ Behandlungspraxis finden in den einzelnen Organisationen der Gesundheitsversorgung statt, z.B. in der ambulanten Arztpraxis oder bei der Krankenkasse. Diese Organisationen und/oder Einrichtungen und ihre Verantwortlichen können eine Kultur der Qualitätsmessung und -verbesserung fördern und über differenzierte Anreize die Versorgungs-/ Behandlungspraxis entsprechend steuern. Die Strukturen, Aufgaben und Aktivitäten der einzelnen Organisationen der Gesundheitsversorgung stehen dabei immer im größeren, vor allem gesetzlich geregelten Zusammenhang des gesamten Gesundheitssystems.

Mit Gemeinwesen sind das kommunale Umfeld und die individuelle Lebenswelt eines Patienten gemeint (engl. "community"). Alle Gesundheitsakteure sind Teil dieses Gemeinwesens; hierzu gehören auch lokale Ressourcen und gemeindenahe Angebote, z.B. soziale Dienste oder Selbsthilfegruppen. Darüber hinaus wirken übergreifende Initiativen wie Präventionskampagnen, wobei die jeweiligen Kompetenzen, Entscheidungsstrukturen und -prozesse der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik zur gesundheitlichen Versorgung für Handlungsspielräume im "Gemeinwesen" den Rahmen setzen.

 

 

 

 

 

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05.11.2008

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03.11.2008

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